Fragt man in Deutschland nach atomaren Gefahren, so bekommt man oft erleichterte Antworten zur Schließung von fünf der sieben belgischen Reaktoren in Doel und Tihange bzw. vom französischen AKW Fessenheim.
Oder Antworten, die das von Russland besetzte, ukrainische AKW Saporischschja betreffen, das immer wieder von der externen Stromversorgung abgeschnitten wird und dadurch eine echte nukleare Sicherheits-Bedrohung ist – trotz der Entfernung von 2000 Kilometern. Manchmal kommen auch gefügige Antworten, wie aus der Sprechformel-Sammlung von PR-Agenturen: Man hätte doch die „sicheren deutschen Reaktoren “noch ein „bisschen weiterlaufen“ lassen können. Phrasen, die entweder von Katastrophensehnsucht oder von tiefer Unkenntnis über den technischen Zustand der stillgelegten Blöcke zeugen. Mit einem vergleichbar krassen Faktendefizit werden auch Schweizer AKW rein nach Bauchgefühl „beurteilt“. Welche Gefahren für ganz Deutschland an der Grenze zur Schweiz lauern, in Form von schweizerischen AKW‘s, das hat kaum jemand auf dem Zettel.
Quasi direkt auf der Grenze steht das Schweizer AKW Leibstadt. Beznau, das älteste AKW der Welt, steht mit seinen beiden Methusalem-Blöcken 10 km hinter der Grenze, auf einer Insel im Rheinzufluss Aare. Der vierte Schweizer Block steht in Gösgen, 20 km vom Grenzort Bad Säckingen entfernt – und der wurde nicht in Vorfreude auf schwarze Säcke mit kontaminiertem Boden, wie man sie aus Fukushima kennt, so genannt. Das AKW Gösgen ist selbst in Südbaden kaum bekannt, aber ein echtes Problem. «Die Sperrzone könnte vom Unfall-AKW in der Schweiz bis kurz vor Passau, Leipzig oder Hannover reichen. Millionen Menschen in Deutschland könnten infolge eines solchen Unfalls dauerhaft Wohnung, Arbeitsplatz oder Existenz, Heimat und soziales Umfeld verlieren» skizziert Armin Simon, Co-Autor einer aktuellen Studie (s.u.) mögliche Katastrophen-Szenarien.
Der nächstgelegene deutsche Grenzort zum Schweizer AKW Gösgen heißt Bad Säckingen. Als 2011 Bilder aus Fukushima mit Säcken voller radioaktiv verseuchter Erde um die Welt gingen, entstand diese satirische Bildmontage | Foto: © Dr. Eva Stegen
Der Reaktor in Gösgen steht seit seiner letzten Revision im Mai 2025 still und zieht voraussichtlich bis Februar 2026 Strom aus dem Netz, anstatt welchen zu produzieren - für die Aufrechterhaltung der Kühlung. Grund für den 9-monatigen Atomausfall ist ein Sicherheitsrisiko im Kühlkreislauf, das – man muss es so sagen – wieder entdeckt wurde. Aus einem Schreiben der Schweizer Atomaufsicht ENSI geht hervor, dass diese Sicherheitslücke seit 46 Jahren, seit der Inbetriebnahme 1979, übersehen wurde. Und als ob das nicht irre genug ist, kommt nun heraus, dass die Schwachstelle in den 1990-er Jahren identifiziert wurde – aber nicht behoben. Die Atomaufsicht gibt an, dass das Sicherheitsdefizit bereits im März 2025 gemeldet wurde, trotzdem ließ man das AKW noch bis Ende Mai weiterlaufen. «Das Beispiel Gösgen spricht Bände. Während andere Länder bei diesem Reaktortyp die Speisewasserpumpen nachrüsteten, schaute die Schweizer Atomaufsicht ENSI viele Jahre einfach darüber hinweg.» so die Kritik von Rudolf Rechsteiner, Vorstand des Trinationalen Atomschutzverbands, TRAS. «Das ENSI schützt die Betreiber, nicht die Bevölkerung, es war stets Erfüllungsgehilfe der Atomkonzerne.»
Der Reaktorsicherheitsexperte Prof. Dr.-Ing. habil. Manfred Mertins nimmt in einem aktuellen Gutachten zum AKW Gösgen Stellung:
Im Unterschied zu baugleichen Anlagen, z.B. den in Deutschland bereits stillgelegten, sind im KKW Gösgen keine gedämpft wirkenden Rückschlagklappen im Speisewassersystem eingebaut worden.
Durch das abrupte Abbremsen der Strömung durch ungedämpfte Rückschlagklappen wird für Sekundenbruchteile ein Druckstoß in den intakten Teilen der Rohrleitungen verursacht, der zu Überlastungen und damit zu Schäden an einzelnen Rohrleitungshalterungen führen kann. Die Nichtbeherrschbarkeit des Auslegungsstörfalles (Rohrleitungsbrüche im Speisewassersystem) wäre damit die Folge. Schäden am Reaktorkern bis hin zur Kernschmelze sind in einem solchen Ereignis zu erwarten.
Zum Gutachten
Obwohl der AKW-Betreiber gesetzlich verpflichtet ist, in einem solchen Fall den Betrieb der Anlage sofort einzustellen, sah das ENSI offenbar weg, als der Betreiber die Abschaltung noch bis zur Jahresrevision Ende Mai hinauszögerte. Greenpeace Schweiz stellt die Frage in den Raum, ob der Atomkonzern, der mit seinem AKW sonst 12 % zur Schweizer Stromproduktion beiträgt, «unter wirtschaftlichem Druck seine gesetzlichen Verpflichtungen missachtet» und fordert Transparenz von der Atomaufsicht, deren Rolle im Kontext mit der Causa Gösgen zumindest fragwürdig erscheint. «Greenpeace ist erleichtert, dass die Schwachstelle in Gösgen entdeckt wurde, bevor sich ein schwerer Unfall ereignete. Wir fragen uns jedoch, wie viele Mängel in den Schweizer AKW bisher unentdeckt geblieben sind.»
Wasserschadens-geplagte Hausbewohner:innen kennen das Problem unkontrollierter Druckstöße in wasserführenden Leitungen. Man spricht auch vom Druckschlag oder vom Wasserhammer, der entsteht, wenn sich die Fließgeschwindigkeit einer nicht komprimierbaren Flüssigkeit in einem Rohr abrupt ändert, also bei Beschleunigung oder bei Verzögerung, wenn sich beispielsweise Rückschlagklappen schließen.
Als besonders prominentes Druckschlag-Beispiel gilt der Bruch einer Wasserleitung unter der Fifth Avenue in New York City im Januar 1998. Die Anwohner:innen wurden durch einen lauten Knall in den Rohren aus dem Schlaf gerissen. Mehrere Hunderttausend Liter Wasser unterspülten in kürzester Zeit die Straße und verursachten gewaltige Schäden.
Das Sicherheits-Problem von Gösgen hat mit den Rückschlagklappen in seinen Speisewasserleitungen zu tun, die eigentlich dafür da sind, dass sie schnell schließen, falls es irgendwo im System zu einem Rohrbruch kommt. Sie sollen verhindern, dass das System zu viel Wasser verliert. Schnappen diese Klappen abrupt zu, entsteht allerdings ein Druckschlag, der die Halterungen der Rohre massiv belastet. Im schlimmsten Fall könnte dadurch «die Kühlung des Reaktors und damit die Beherrschung des Auslegungsstörfalls „Brüche einer Speisewasserleitung“ in Frage gestellt sein», wie die Atomaufsicht ENSI feststellt. Genauso alarmierend liest sich die Klartext-Übersetzung der Betreiber-Aussage: „Aufgrund von Berechnungen und des aktuellen Zustandes der Rohrleitungen kann ein solcher Rohrbruch für die kommenden Jahrzehnte nahezu ausgeschlossen werden.“
Klartext: Ein Rohrbruch kann NICHT ausgeschlossen werden.
Um die Schwachstelle zu entschärfen gibt es zwei Möglichkeiten: entweder man verstärkt die Halterungen der Rohrleitung, damit sie dem Druckschlag standhalten. Oder man installiert gedämpfte Rückschlagklappen. Die Kosten für Letzteres liegen im einstelligen Millionenbereich.
Die Speisewasserleitungen sind entscheidend für die Kühlung eines Reaktors. In diesem Kreislauf liegt das potenzielle Sicherheitsrisiko von Gösgen. Hinweise darauf gab es schon Ende der 1990-er Jahre. Die atomkritische NGO ausgestrahlt.de schreibt dazu: «Die Schweizer Atomaufsicht ließ sich damals mit alten, vereinfachten Berechnungen und falschen Behauptungen des Betreibers zur angeblichen Stabilität der Rohre abspeisen. Jetzt stellt sich heraus, dass die entscheidenden Annahmen damals grundfalsch waren: Die Rohre sind nicht etwa stabiler, sondern deutlich instabiler als einst mit simplen Methoden grob berechnet.»
So wenig das AKW Gösgen, seine gefährlichen Schwächen, und auch die Probleme der anderen drei Schweizer Atomreaktoren (Leibstadt, Beznau 1 und 2) hierzulande bekannt sind, so schlecht sind Bevölkerung, Behörden und Katastrophenschutz auf einen möglichen schweren Unfall in unmittelbarer Nähe zur Landesgrenze vorbereitet. Selbst die 2015 auf Empfehlung der deutschen Strahlenschutzkommission, als Konsequenz aus der Atomkatastrophe von Fukushima, beschlossene «Ausweitung der Katastropheneinsatzpläne ist in Südbaden bis heute nicht umgesetzt», stellt der Trinationale Atomschutzverband TRAS in seiner aktuellen Studie „Grenzenloses Risiko - Gefährdung Deutschlands durch schwere Unfälle in Schweizer Atomkraftwerken“ fest.
Mit 39 Ja-Stimmen quer durch alle Fraktionen (1 Nein AfD, 2 Enthaltungen Freie Wähler) hat der Freiburger Gemeinderat eine Erklärung zur Gefährdung der Stadt Freiburg durch die Schweizer Atomkraftwerke verabschiedet (Tagesordnungspunkt 9 am 25. November 2025). Darin werden Bund und Land aufgefordert, Druck auszuüben, um den Überzeitbetrieb der AKWs zu beenden und stattdessen den Ausbau der notwendigen Infrastruktur für den ergänzenden Handel mit erneuerbaren Energien voranzutreiben.
Das betrifft die beschlossene Vervierfachung der Evakuierungszonen, aber auch die Ausweitung der Außenzonen auf 100 km um das havarierte AKW. Die Bevölkerung ist vollständig uninformiert, obgleich die Strahlenschutzverordnung, StrSchV, vorschreibt, dass «die Bevölkerung, die bei einem Notfall betroffen sein könnte, in geeigneter Weise und unaufgefordert mindestens alle fünf Jahre über die Sicherheitsmaßnahmen, geplante Maßnahmen zur Warnung und zum Schutz der Bevölkerung sowie Empfehlungen für das Verhalten bei möglichen Notfällen informiert » werden muss. In der – gemäß Strahlenschutzverordnung längst veralteten – „Notfallschutzbroschüre - Ein Ratgeber für die Bevölkerung in der deutschen Umgebung der schweizerischen Kernkraftwerke Beznau und Leibstadt“ aus dem Jahr 2012 (!) stehen noch die alten Katastrophenschutz-Zonen und erwecken den Anschein, die 233.000-Einwohner-Stadt Freiburg läge nicht in der Außenzone und das 20 km von der Grenze entfernte AKW Gösgen habe keine Relevanz. Nun kann man entweder monieren, dass die deutsche Seite nicht auf jeden möglichen Katastrophenfall vorbereitet ist, oder man kann mit vereinten Kräften darauf hinwirken, dass die Gefahrenquellen abgestellt werden und somit die Planungen für sämtliche, durchaus realistischen Worst-Case-Szenarien, nicht nur hoffentlich, sondern wirklich hinfällig werden.
Die TRAS-Studie, die sich auf Untersuchungen deutscher, österreichischer und schweizerischer Institute, Organisationen und Behörden stützt, zeigt, dass ein Kernschmelzunfall im AKW Gösgen weite Teile Deutschlands radioaktiv kontaminieren könnte. «Unter Umständen müsste eine Zone bis weit über Stuttgart hinaus binnen weniger Stunden evakuiert werden. Große Gebiete bis in mehreren Hundert Kilometern Entfernung könnten langfristig unbewohnbar werden. Gösgen zeigt: Das Risiko eines schweren Unfalls ist deutlich höher als behauptet.»
Der Physiker und Jurist Dr. Wolfgang Renneberg berichtete kürzlich auf einer Informationsveranstaltung zu möglichen Auswirkungen von Atomkatastrophen in Schweizer AKW – die die Trinkwasserversorgung der Rheinanlieger bzw. über den Luftweg, je nach Wettersituation, auch Hamburg oder Berlin betreffen können – über seine Zeit als Leiter der Atomaufsicht im Bundes-Umweltministerium BMU. Dort gab es einen regemäßigen Austausch mit den Kolleg:innen der Schweizer Atomaufsicht ENSI, so dass man im BMU einen gewissen Überblick über den technischen Zustand der Schweizer Anlagen bekommen hat. Renneberg fasste zusammen, „dass die Schweizer Kernkraftwerke grundlegende Sicherheitsanforderungen, die heute Standard sein müssten, nicht erfüllen“. Der Reaktordruckbehälter, sei dabei nur ein Teil des Problems. Aus diesem zentralen Bauteil heraus führen Leitungen, die man regelmäßig auf Materialermüdung/Versprödung prüfen müsse. Die Konstruktionsweise der Altmeiler lasse aber gar nicht zu, dass man die Messgeräte entsprechend platzieren kann: „Das ist teilweise so eng, dass man das gar nicht prüfen kann.“
Unabhängig von der rein emotionalen „Beurteilung“ des Sicherheits-Zustands deutscher oder Schweizer Reaktoren, die in der Vorstellung von „einfach ein bisschen Weiterlaufen lassen“ gipfelt: Wie unterkomplex ist es, auf eine Technologie zu setzen, deren komplette Lieferkette vom Uranabbau, Konversion, über Brennelemente-Fertigung, Kraftwerksbau, Finanzierung, Betrieb, Wartung, Rückbau, Atommüll-Entsorgung etc. mehr und mehr vom russischen Staatskonglomerat Rosatom und seinen rund 450 Tochterfirmen dominiert wird?
Der Trinationale Atomschutzverband TRAS hatte bereits große Verdienste an der Schließung der beiden Altmeiler in Fessenheim. Nun liegt sein Fokus auf der Beendung des Überzeitbetriebs der Schweizer Atomanlagen in Beznau, Gösgen und Leibstadt. Hierbei hebelt die Schweiz geltende UN-Konventionen aus. Der TRAS vertritt Gemeinden, Einwohner¬gemeinden, Landkreise, juristische Personen und Privatpersonen. Dazu braucht es eine aufgeklärte Bevölkerung und informierte Volksvertreter:innen.